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Karnismus - was ist das eigentlich?

Im Zusammenhang mit der veganen Ernährung, aber auch in entsprechenden Diskussionsforen fällt regelmäßig der Begriff des Karnismus, dessen Bedeutung den meisten Menschen nicht geläufig ist. Schauen wir uns also genauer an, was sich hinter diesem Begriff verbirgt.

Wir alle kennen das Bild von der Familie, die an einem Sommerabend das Grillen im Freien genießt. Fleisch und Würstchen werden auf den Grill gelegt und während des Wartens vertreiben sich die Kinder ihre Zeit beim Ballspielen mit dem Familienhund. Im Zuge des späteren Essens erhält der Hund nebenbei liebevolle Streicheleinheiten und vielleicht bekommt er sogar das ein oder andere Stück Fleisch als Leckerli gereicht. Die Familienkatze wird ausgiebig beschmust und im Anschluss darf sie ein Nickerchen auf dem Schoß eines Familienmitglieds abhalten, während weiteres Fleisch und Würstchen aufgelegt werden.

Was könnte an diesem Bild falsch oder gar verwerflich sein, mag man sich fragen. Es handelt sich doch lediglich um einen ganz normalen Grillabend. Bei erster Betrachtung scheint dies so zu sein, bei bewusster (!) Betrachtung jedoch ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Grillabend mit Hund

Karnismus beschreibt die Unterteilung von Tieren in essbar und nicht essbar. Niemand an diesem Tisch würde auf die Idee kommen, den Hund zu grillen, während sie getrost das Fleisch von Schwein, Hund und Rind verspeisen.

Denn dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, dass im geschilderten Fall durch die Familienmitglieder eine deutliche Differenzierung zwischen den augenscheinlich essbaren Tieren, wie Schwein, Rind und Geflügel, und den genannten Haustieren erfolgt. Niemand der anwesenden Personen würde auf die Idee kommen, den Hund oder die Katze zu grillen. Die bloße Vorstellung erschiene absurd und ekelerregend.

Die US-amerikanische Sozialpsychologin, Publizistin und Veganerin, Melanie Joy, hat sich der genaueren Beleuchtung dieses Themas angekommen und in der weiteren Folge den Begriff des Karnismus in einer Doktorarbeit geprägt („carn“ bedeutet Fleisch und
„-ismus“ bezeichnet eine Ideologie, ein Glaubens- bzw. Überzeugungssystem).

Melanie Joy gelangte in ihren Untersuchungen zu der Auffassung, dass die Menschen in einem unsichtbaren System von Überzeugungen leben, welches sämtliche Tiere in „essbar“ und „nicht essbar“ kategorisiert. Der eigene Fleischkonsum wird aus dieser Überzeugung heraus als „normal, natürlich und notwendig“ angesehen. Dies wiederum erlaube dem Fleischkonsumenten, sich von seiner eigenen, von Natur aus gegebenen Empathie gegenüber allen Tieren, zu distanzieren. Hierbei handelt es sich letztlich um eine erlernte Apathie, da wir beim Durchlaufen sämtlicher Sozialisationsinstanzen, wie Elternhaus, Schule etc., entsprechend geprägt werden und Moraleinstellungen, Normen und Werte sowie Glaubenssätze übernehmen.

Joy fand weiter heraus, dass sich der Mensch unterschiedlichen Verteidigungsstrategien und/oder Schutzmechanismen bedient, um den eigenen Fleischkonsum für sich selber und gegebenenfalls anderen gegenüber zu rechtfertigen. Zu diesem Zwecke werden Tiere beispielsweise schlichtweg entindividualisiert und in Gruppen eingeteilt. Der Hund wird zum personifizierten „jemand“, das Schwein zum sächlichen „etwas“. Bei den „Nutztieren“ gelten alle Tiere als gleich, die einzelnen „Haustiere“ werden als individuell betrachtet und ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten anerkannt.

Darüber hinaus gelänge es laut Joy auch durch die Art und Weise der Aufmachung und Vermarktung der Tierprodukte, über die Gewalt, die hinter dieser gesamten Produktion steht, hinwegzutäuschen – denn ohne Gewalt und das Töten der Tiere gäbe es kein Fleisch.

Besonders einleuchtend erscheinen Joy’s Untersuchungsergebnisse bei Betrachtung der Esskulturen anderer Länder. In China ist es beispielsweise gang und gäbe, Hunde und Katzen täglich zu schlachten und zu verzehren. Dem Durchschnittseuropäer dürfte es bei diesem Gedanken den Magen umdrehen.

Ein weiteres Beispiel liefern die Grillveranstaltungen von Tierheimen. Die Haustiere werden geliebt und umsorgt, man baut Beziehungen zu ihnen auf, wohingegen andere Tiere mit demselben Recht auf Leben als Nahrungsmittel dienen müssen.

Diese Umstände zeigen deutlich, dass wir bezüglich unserer Esskultur konditioniert wurden und die vermeintliche Apathie gegenüber den so genannten „Nutztieren“ lediglich im Laufe unseres Lebens erlernt haben.

Es ist an der Zeit, sich dieser Konditionierung bewusst zu werden. Jeder von uns hat täglich die Möglichkeit der Wahl - niemand muss in seinen Konditionierungen verhaftet bleiben. Die Rückkehr zur naturgegebenen Empathie und dem Handeln in Liebe zu allen Lebewesen ist jederzeit gegeben.

Text: Kerstin Ahrens

 

Buchtipp:

"Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen", Melanie Joy

 

© Regenbogenkreis / Matthias Langwasser - Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text und die enthaltenen Bilder unterliegen dem Urheberrecht und anderen Gesetzen zum Schutz geistigen Eigentums. Dieser Artikel darf ohne Genehmigung weder kopiert oder veröffentlicht werden. Eine Verlinkung direkt auf die jeweilige Text-Seite sowie das Teilen in sozialen Netzwerken sind erlaubt und erwünscht.
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  • Zusammenfassung

    Ich finde den Artikel sehr gut und er regt zum Nachdenken und der Frage nach dem WARUM? an. Und wie schon geschrieben: Wir Menschen haben jeden Tag die Wahl und den freien Willen....

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