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„Wissenschaftlich erwiesen“, was heißt das eigentlich?

Wissenschaft schafft Wissen. So will man meinen. Aber streng genommen ist das nicht ganz richtig. Genauer wäre es, zu sagen, Wissenschaft gibt uns Gründe, etwas für Wissen zu halten. Was genau damit gemeint ist und welche Konsequenzen das für die Bewertung von „wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen“ hat will dieser kleine Text hier kurz erläutern.

Karl Popper

Der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper.

Karl Popper und das Problem der Induktion

Der schottische Philosoph David Hume hat festgestellt, dass es keine empirisch feststellbaren, allgemein gültigen Aussagen geben kann. Denn alle Empirie, wie ausufernd auch immer in ihren Untersuchungen, gelangt immer nur zu einzelnen Erkenntnissen. Aufgrund einzelner Erkenntnisse, also Partikularaussagen, lässt sich aber noch keine allgemeine Aussage treffen.

Ein Beispiel: Wir untersuchen 10000 Schwäne und stellen fest, dass alle untersuchten Schwäne weiß sind. Daraus können wir aber nicht folgern, dass grundsätzlich alle Schwäne weiß sind. Denn niemand kann uns versichern, dass der 10001. Schwan nicht schwarz gewesen wäre. Karl Popper nahm sich dieses Problems an und folgerte, dass sich wissenschaftliche Aussagen demnach niemals empirisch verifizieren lassen. Das heißt, es ist nicht möglich, wissenschaftlich zu beweisen, dass eine Aussage tatsächlich wahr ist.

Für Popper ist es aber durchaus möglich, zu beweisen, dass eine Aussage wissenschaftlich falsch ist, also, dass eine Aussage sich falsifizieren lässt. Es ist somit Aufgabe der Wissenschaft, Hypothesen aufzustellen, die grundsätzlich falsifizierbar sind, und mit Eifer an der Falsifizierung von Thesen zu arbeiten. Durch diese natürliche Selektion von Hypothesen wird Fortschritt in der Wissenschaft generiert und es gibt zunehmend nur Aussagen, die sich mehrfach bewährt haben. Das heißt aber nicht, dass sie nicht im nächsten Augenblick von neuen Erkenntnissen widerlegt werden können. Wissenschaftliche Erkenntnis ist also immer vorläufig.

Zum Problem der Falsifikation

Karl Poppers Ansicht über die Falsifikation ist aber noch zu einfach. Wer eine Naturwissenschaft in der Schule belegt hat, wird sich möglicherweise noch an das eine oder andere Experiment erinnern, welches nicht so geklappt hat, wie es die wissenschaftliche Theorie vorausgesagt hat. Diese misslungenen Experimente stellen aber nicht die gesamte moderne Wissenschaft in Frage, sondern werden stattdessen auf menschliches Versagen zurückgeführt, oder es wird von Messfehlern gesprochen.

Das Problem der Falsifikation

Alle Schwäne sind weiß?

Für unsere Schwäne heißt das: Wenn wir nach 10000 untersuchten Schwänen auf einen weißen Schwan stoßen, so sind wir meist eher geneigt zu sagen, dass es sich um eine unbedeutende Ausnahme von der Regel handelt. Oder wir sagen, der schwarze Vogel kann gar kein Schwan sein, weil wir ja empirisch festgestellt haben, dass alle Schwäne nun einmal weiß sind.

Es ist also nicht ganz so einfach, eine Theorie zu falsifizieren, wie Popper sich das gedacht hat. Ab wann jedoch die Hinweise ausreichen, um eine Theorie zu widerlegen und ob die Hinweise ausreichen, die gesamte Theorie oder aber nur Teile davon zu entkräften ist nicht mehr streng wissenschaftlich und aufgrund neutraler Kriterien festzulegen. In der Praxis kommt es hier oft zu einem Pluralismus an verschiedenen Ansätzen, die in einen weiteren Prozess von Bewährung und Widerlegung eingebunden sind.

Konsequenzen für das Bild von Wissenschaft

Für den Alltag bedeutet diese Arbeitsform der Wissenschaft, dass, nur weil man eine Aussage wissenschaftlich belegen kann, man noch nicht zwangsläufig Recht hat. Ein wissenschaftlicher Beleg ist nur ein guter Grund, eine Aussage ernst zu nehmen und gewissenhaft zu prüfen. Es ist kein guter Grund, die Aussage kritiklos hinzunehmen, weil ihr Wahrheitsgehalt ja „wissenschaftlich erwiesen“ sei.

Eine weitere Konsequenz ist, dass die Aussage „A konnte bisher nicht wissenschaftlich belegt werden“, genau das meint. Es ist der Wissenschaft bisher einfach nicht gelungen, in einer kontrollierten Umgebung A zu reproduzieren oder Indizien für A zu finden. Das bedeutet keineswegs, dass A nicht zutrifft, sondern lediglich, dass sich über A weder positiv noch negativ eine wissenschaftliche Aussage treffen lässt.

Ein Letztes noch zum Schluss. In der Wissenschaft arbeiten Menschen und Menschen sind nicht unfehlbar. Auch in der Wissenschaft werden menschliche wie methodische Fehler begangen oder schlicht nachlässig gearbeitet. Damit kommt es zu falschen Ergebnissen. Verstärkt wird dieser Effekt durch soziale Komponenten. So sind auch Wissenschaftler nicht davor gefeit, die Ergebnisse eines besonders renommierten Vertreters ihrer Zunft für aussagekräftiger zu halten als jene eines unbekannten Jung-Wissenschaftlers – ganz unabhängig von der jeweiligen Qualität der wissenschaftlichen Arbeit. Und noch etwas muss man wissen: Nimmt sich ein Wissenschaftler vor, etwas zu untersuchen, so hat er meist eine Hypothese, was er zu finden glaubt. Das ist allein schon notwendig, um die nötigen Forschungsgelder zu beantragen. Mit einer derartigen Erwartungshaltung wird aber auch das Ergebnis schon in Teilen vorweggenommen, denn ein solcher Beobachter ist nicht mehr vollkommen gleichgültig dem Ergebnis gegenüber.

Wissenschaftliche Ergebnisse sind also keine neutrale, allgemeingültige Beschreibung unserer Welt. Sie sind Beschreibungen dessen, wie ein sehr kleiner Ausschnitt unserer Welt aus bestimmtem Blickwinkel betrachtet eventuell aussehen könnte, wenn man ihn sich sehr genau und anhand bestimmter Vorgaben ansieht und dabei nach wissenschaftlichen Maßstäben alles richtig gemacht wurde. Wissenschaftlich erwiesen ist das allerdings nicht.

 

© Regenbogenkreis / Matthias Langwasser - Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text und die enthaltenen Bilder unterliegen dem Urheberrecht und anderen Gesetzen zum Schutz geistigen Eigentums. Dieser Artikel darf ohne Genehmigung weder kopiert oder veröffentlicht werden. Eine Verlinkung direkt auf die jeweilige Text-Seite sowie das Teilen in sozialen Netzwerken sind erlaubt und erwünscht.
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  • Zusammenfassung

    Die Wissenschaft argumentiert mit Gesetzen, die sie selbst definiert haben. In sich stimmen die Aussagen schon, aber nur bis plötzlich eine neue Erkenntnis das bisherige Wissen über Bord wirft. Es gibt in der Natur wahrscheinlich noch sehr vieles, was die Wissenschaft eben noch nicht erforscht bzw. entdeckt hat. Und dann ist es eben sehr schwierig, neue bzw alte Erkenntnisse, die schon sehr lange überliefert wurden zu akzeptieren, da diese nach den Regeln der Wissenschaft nicht existieren dürfen

  • „Wissenschaftlich erwiesen“, was heißt das eigentlich?

    Das ist alles richtig, jedoch kann man den Bogen noch etwas weiter spannen: Jedes wissenschaftliche Experiment wird beeinflusst durch die Geisteshaltung des Forschenden. In der Physik hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt. Und parallel zum Prozeß des Falsifizierens wächst oft die Erkenntnis, daß die eine Wahrheit, welche als solche erkannt wird, sich mit anderen Wahrheiten netzwerkartig verbindet, im Sinne der natürlichen Organisation.